Position des Vorstandes

Was kollabierende Systeme für Supervision, Coaching, Organisationsberatung und die DGSv bedeuten

16.04.2024, 14:58 Uhr | Geändert: 05.02.2026, 12:29 Uhr
Grafik mit der Beschriftung "Kollaps - und dann?"

Mit Blick auf die Erkenntnisse der Klima- und Umweltforschung einerseits und die beobachtbaren gesellschaftlichen Veränderungen andererseits möchten wir als Vorstand hiermit eine Einschätzung zur Zukunftsperspektive von Supervision, Coaching und Organisationsberatung in einer sich grundlegend verändernden Welt vorlegen. Diese Einschätzung ist die Basis für unser strategisches Handeln. Dadurch soll Transparenz darüber hergestellt werden, auf welcher Grundlage wir unsere Entscheidungen treffen.

Das tun supervisorische Berater*innen… Das tun supervisorische Berater*innen nicht… Das haben Sie als Auftraggeber*in oder Klient*in davon…
…im Beratungsprozess
Sie schauen sich Ihre spezifische Situation und die Ihrer Organisation genau an. Sie erkennen Rollenun-klarheiten, Konflikte, organisatorische Fragen – und sichern die Qualität von Arbeit und Arbeitsbedingungen.Sie bieten keine vorgefertigten Lösungen oder Produkte an.Sie erhalten eine maßgefertigte, genau auf Ihre Situation abgestimmte Beratung.
Sie unterstützen Ihre (Selbst-)Reflexion, immer mit dem Ziel, die Handlungsfähigkeit und die Anzahl der Optionen für Sie zu erhöhen.Sie geben keine Lösungen vor. Sie sind zurückhaltend mit Empfehlungen oder Ratschlägen.Sie entwickeln selbst Ideen und Problemlösungen, auf die sie ohne den strukturierten Prozess und kreative Unterstützung nicht gekommen wären.
Sie verlangsamen bewusst die Prozesse in der Beratung, um gründliches Nachdenken außerhalb des Tagesgeschäfts zu ermöglichen.Sie geben kein unrealistisches Erfolgsversprechen ab, springen nicht sofort auf jede naheliegende Erklärung für Probleme an.Sie können sich darauf verlassen, dass den Problemen auf den Grund gegangen wird. Gefundene Lösung haben deshalb eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit.
Sie können jederzeit begründen, warum sie wie vorgehen. Sie schaffen Transparenz über Vorgehen, Kosten, Rollen.Sie schaffen keine Abhängigkeiten, weder durch unangemessene Vertragsgestaltung noch durch manipulative Gestaltung der Arbeitsbeziehung.Sie haben Kontrolle über den Auftrag und können Unstimmigkeiten jederzeit ansprechen und klären.
Supervisor*innen haben Respekt vor dem So-gewordensein Ihrer Organisation. Sie respektieren, dass das Erkennen von Problemen oder auch Fehlentwicklungen zu Ent- Täuschungen und manchmal sogar zu Schamgefühlen führt. Supervisor*innen schaffen einen sicheren Raum dafür, sich damit auseinanderzusetzen.Sie wischen die unangenehmen Aspekte von Veränderung nicht beiseite. Sie tun nicht so, als wäre das Verlassen der Komfortzone eine Alltäglichkeit.Sie können in einem geschützten kommunikativen Raum auch unsicheres Terrain betreten und mit neuen Perspektiven und Ideen experimentieren.
Sie halten Augen und Ohren für die blinden Flecken offen, die sich bei Ihnen im Umgang mit den typischen Spannungsfeldernder Arbeitswelt ergeben, um jeweils die Seite stärker zu beleuchten, die vernachlässigt wird. Typische Spannungsfelder sind z.B. die zwischen Nähe/ Distanz, Top down/bottom up oder Stabilität/Flexibilität. Wenn also z.B. Stabilität droht, in völlige Erstarrung abzudriften, dann machen sich Supervisor*innen bei Bedarf auf die Suche nach Möglichkeiten zur Wiedergewinnung von Flexibilität – und umgekehrt.Sie schlagen sich nicht auf eine Seite.Sie können sich selbst und Ihre Organisation daraufhin prüfen, ob die von Ihnen gefundene Balance innerhalb der typischen Spannungsfelder passend ist.
im Prinzip…
Sie nennen die Dinge beim Namen, schaffen eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung und stellen sich individuell auf Sie, Ihr Team und Ihre Organisation ein.Sie vermeiden nicht den Begriff Problem, nur um geschmeidig zu erscheinen.Keine Schönfärberei. Sie können darauf vertrauen, dass an konstruktiven Lösungen gearbeitet wird.
Sie übernehmen Verantwortung für den Beratungsprozess. Sie kennen die eigenen Grenzen und ziehen bei Bedarf Expert*innen hinzu.Supervisor*innen nehmen Ihnen weder die Arbeit ab, noch die Umsetzung von Lösungen oder die Verantwortung für Entscheidungen.Sie bleiben in der Verantwortung für sich, für Ihr Team, für Ihre Organisation. Die Rollen bleiben klar verteilt.
Sie bilden sich fort und haben einen offenen Blick für gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen in der Arbeitswelt.Sie machen nicht jede Mode mit.Sie bekommen durchdachte und reflektierte Beratungsformate, die auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so modisch und up-to-date daherkommen, es dafür aber qualitativ in sich haben.
Supervisor*innen setzen sich mit sich selbst, ihrer Rolle, ihrer Verantwortung, ihren Beratungsprojekten und der Wirksamkeit ihrer Interventionen immer wieder z.B. in Kontroll-supervisionen auseinander.Sie glauben nicht, dass sie die Weisheit für sich gepachtet hätten.Sie bekommen Sparringspartner, die bereit und es gewohnt sind, sich als Personen und fachlich auch schwierigen, unangenehmen Situationen auszusetzen.
Supervisor*innen legen Prozesse ergebnisoffen an und gehen das Risiko des Scheiterns ein. Sie vertrauen dabei in den Prozess und in die Kompetenzen und Potenziale ihrer Klient*innen.Sie sind dabei nicht naiv, sondern sie wissen um die Bedeutung, die dabei die professionelle Gestaltung von Beratungs- und Kommunikationsprozessen hat.Sie bekommen eine ehrliche und realistische Beratung.
Sie weichen nicht aus, wenn es einmal ungemütlich wird.Sie provozieren aber auch keine unnötigen Konflikte und schüren keine Eskalationen.Sie haben eine*n Partner*in mit dem Sie auch durch schwierige Zeiten gehen können.

Wir gehen davon aus, dass es für die Verhinderung einiger gravierender Veränderungen unserer Lebensbedingungen zu spät ist. Das Artensterben, die Umweltverschmutzung, die Erwärmung des Klimas werden weiter eskalieren. In der Folge ist damit zu rechnen, dass unsere natürlichen Lebensgrundlagen und auch die darauf aufbauenden sozialen Systeme in massive Krisen geraten und kollabieren werden. Das ist – nebenbei bemerkt – kein Plädoyer, deshalb mit den Klima- und Umweltschutzmaßnahmen aufzuhören; im Gegenteil. Auch kleinste Abmilderungen der Effekte sind äußerst bedeutsam.

Wir möchten aber nicht mehr abstrakt über Gefahren und Kipppunkte sprechen und uns an die Illusion klammern, dass diese Veränderungen noch vermeidbar wären oder weit in der Zukunft liegen.

Wir möchten den Gedanken an uns heranlassen, dass es zu spät ist und uns bereits jetzt ereilt. Alle paar Tage bekommen wir aus den unterschiedlichsten Winkeln der Welt neue Eindrücke von kollabierenden Systemen – von der Ahrtalflut im eigenen Land bis zu gigantischen Waldbränden oder Überschwemmungen. Einen Vorgeschmack auf globale soziale Kollapsphänomene hat uns die Corona-Pandemie geliefert.

Was wir hier ansprechen, ist heikel. Es berührt sehr existenzielle Fragen. Vorstellungen vom Kollaps, wenn man sie denn zulässt und nachvollzieht, können Trauer und Angst, vielleicht zunächst auch Verzweiflung auslösen.

Wir als Vorstand betrachten es als unsere Aufgabe, die Augen genau davor nicht zu verschließen, sondern aktiv die Auseinandersetzung damit zu suchen und zu fördern. Wir gehen davon aus, dass wir in der Lage sind, solch lähmende Gefühle zu überwinden, uns neues Wissen anzueignen und dadurch handlungsfähig zu bleiben. Wir empfinden den Abschied von Illusionen als befreiend und inspirierend.

Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei den anstehenden und bereits längst sich vollziehenden Veränderungen um etwas anderes als um Krisen, wie wir sie sonst (auch aus der Beratung) kennen. Eine Krise geht vorbei. Im Idealfall geht man gestärkt aus einer Krise hervor. Auch der Begriff der Transformation passt nicht so recht, weil er suggeriert, dass die Veränderungen weitestgehend verlustfrei bewältigt werden können.

Dafür ist es zu spät, weil die Pfadabhängigkeiten innerhalb des bestehenden, fast den kompletten Globus umspannenden Wirtschaftssystems zu groß sind, als dass ein radikales Umsteuern innerhalb des Systems möglich wäre. Das zeigt sich im Kleinen, wo jede*r Einzelne von uns täglich die Abhängigkeiten vom bestehenden System spürt (Finanzen, Energie, Mobilität, Lebensmittel usw.) und ein individueller Ausstieg so gut wie unmöglich ist. Das zeigt sich im Großen, in der Abhängigkeit des Gesellschaftssystems vom ökonomischen Wachstum oder von globalen Lieferketten.

Deshalb ist die Auseinandersetzung mit diesen existenziellen Veränderungen unserer Lebensgrundlagen auch nicht ein Thema neben vielen anderen, nicht einfach eine weitere Krise. Wir glauben: Mit Blick auf uns vertraute Strukturen und soziale Systeme ist es eher ein palliativer Prozess, mit Blick auf den Einzelnen geht es zunehmend um Selbsterhaltung statt um Selbstentfaltung. Die Gesellschaft, wie wir sie kennen, wird aufhören zu existieren. Natürlich wird etwas Neues daraus entstehen, aber noch ist völlig unsicher, was. Ökologische und soziale Systeme werden nicht erst in einigen Jahrzehnten aus der Balance geraten. Sondern schon viel früher, vielleicht in wenigen Jahren – und sie werden sich auch nicht wieder in gewohnter Weise stabilisieren.

Kollabierende soziale Systeme – damit meinen wir konkret: Infrastrukturen brechen weg. Als Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, Sie stehen morgens auf, und irgendetwas, das für Sie selbstverständlich war, geht einfach nicht mehr. Der Strom ist rationiert. Der Bus fährt nicht mehr. Das Telefonsystem fällt aus. Es wird kein Gas für die Heizung mehr geliefert. Sie können kein Geld abheben. Ihr Medikament wird nicht mehr produziert.

Kollabierende soziale Systeme – das heißt auch: Kontrollverlust. Versicherungen beschließen, eine von Umweltschäden bedrohte Region nicht mehr zu versichern. Grundstücke und Häuser sind nichts mehr Wert. Lebenskonzepte werden über den Haufen geworfen.
Lebensbedingungen, die in manchen Weltregionen Alltag sind, in westlichen Industrienationen aber vielen noch unvorstellbar scheinen.

Realitätsprüfung, Desillusionierung, Umgang mit Zumutungen, Verarbeitung von Trauer, Frust, Schuldgefühlen und Wut usw. sind das Kerngeschäft von Supervisor*innen. Wenn wir als Supervisor*innen für uns und die DGSv als Verband für sich in Anspruch nehmen, hier eine besondere Expertise zu haben, dann sollten wir diese auch nutzen.

Kollabierende soziale Systeme, das heißt aber auch: Soziale Beziehungen werden noch wichtiger, weil durch sie eine wegbrechende Infrastruktur kompensiert werden kann.

Anders als Hollywoodfilme uns glauben machen, führen kollabierende soziale Systeme nämlich auch immer zu einem Mehr an Kooperation. Zwei Vordenker der Kollapsologie, Pablo Servigne und Raphaël Stevens, gehen davon aus, dass wir „in eine Ära der gegenseitigen Hilfe“ eintreten. Deshalb ist auch Mut und Zuversicht angebracht.

Man kann es auch so sehen: Wir können uns glücklich schätzen, Zeitzeug*innen und Akteur*innen eines Prozesses zu sein, der die zerstörerische Ausbeutung der globalen Ressourcen beenden wird. Und wir können darauf Einfluss nehmen, ob es zu einem „collapse by disaster“ oder einem „collapse by design“ kommt. Dabei sprechen wir nicht von einer fernen Zukunft, sondern von bereits begonnenen schleichenden und sich vermutlich beschleunigenden Prozessen, auf die wir vorbereitet sein und den wir mitgestalten wollen.

Als Supervisor*innen, Coaches und Organisationsberater*innen sind wir gefordert, unsere mentalen Modelle zu überprüfen. Wo positionieren wir uns zwischen Selbstentfaltung und Selbsterhaltung, zwischen Fortschritt und Anpassung, zwischen Pessimismus und Optimismus?

Als Verband sind wir bereits einzelne Schritte in die ungewisse Zukunft gegangen. Dazu zählt der Fokus auf Vernetzung und die DGSv als Community. Dazu zählt auch ein neues Vorhaben: Wir möchten uns nach den Kriterien der Gemeinwohlbilanz zertifizieren lassen. Und dazu zählt die Absicht, das großartige Know-how von Supervisor*innen, Coaches und Organisationsberater*innen für diese Zukunft nutzbar zu machen, in der unsere Kompetenzen sicher gut gebraucht werden.

PS: Sollten wir uns mit unseren Zukunftsprognosen in Bezug auf die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen und das Wegbrechen von Infrastrukturen irren, würden wir uns freuen. An den Grundzügen unserer strategischen Überlegungen würde sich aber wenig ändern, weil eine Fokussierung auf Vernetzung, Beziehung und Gemeinwohl auch dann erstrebenswert sind. Im Angesicht von kollabierenden Systemen erhält dies lediglich eine höhere Dringlichkeit.

Dr. Annette Mulkau, Robert Erlinghagen
Vorstand der DGSv

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